Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum.
Begegnung und Zusammenhalt sind schlichtweg wichtig — für jeden Ort und für eine Gesellschaft. Bevor wir den ersten Euro vergeben, haben wir gelesen, verglichen und aus den Erfahrungen anderer Programme gelernt. Diese Seite zeigt die wichtigsten Zahlen, Studien und Vorbilder — jede Aussage mit klickbarer Quelle.
Unser Kompass, nicht unser Korsett
Studien zeigen uns, wo es langgeht — entscheiden tun die Menschen vor Ort. Keine Kneipe ist eine Statistik: Jeder Betrieb hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Gäste, seine eigenen Sorgen. Wir schreiben niemandem vor, wie er oder sie den Laden führt. Wir zeigen, was anderswo funktioniert hat, hören zu und bauen mit jedem Betrieb das Paket, das zu ihm passt.
Das Kneipensterben in Zahlen.
Deutschland verliert seit Jahren seine Schankwirtschaften — leise, Ort für Ort. Die wichtigsten Zahlen im Überblick:
der Kneipen sind seit 2002 verschwunden — von rund 46.500 auf etwa 21.000.
Destatis-Zeitreihe via watsonrealer Umsatz der getränkegeprägten Gastronomie gegenüber 2019 — das am stärksten schrumpfende Segment des Gastgewerbes.
DEHOGA-Zahlenspiegel IV/2025 (PDF)Schankwirtschaften allein zwischen 2018 und 2022 (29.515 → 21.276 Betriebe).
Umsatzsteuerstatistik via Hotelier.devon einst rund 20.000 Eck- und Kiezkneipen existieren in Berlin noch.
DEHOGA Berlin via TageskarteIn der Fläche
In Brandenburg schlossen in der Prignitz 40 % der Kneipen, in der Uckermark die Hälfte aller Schankwirtschaften (2010–2023). In Sachsen-Anhalt verschwand in Kleinstädten jeder dritte Gastronomiebetrieb; 18 Gemeinden haben gar keine Gaststätte mehr. In Bayern hatten schon 2010 rund 37 % der Gemeinden keine Kneipe mehr — und die Dynamik nimmt zu: Fast jedes fünfte Unternehmen im Gastgewerbe sieht seine Existenz bedroht (ifo, April 2026).
Warum Kneipen sterben
Energie kostet 125 % mehr als 2019, die Arbeitskosten stiegen um fast 40 % — bei gleichzeitig sinkendem Bierkonsum (106 Liter pro Kopf 2013, 88 Liter 2023) und verändertem Ausgehverhalten. Dazu ein struktureller Nachteil: Die 7-%-Mehrwertsteuer gilt seit 2026 nur für Speisen — Getränke bleiben bei 19 %. Die getränkegeprägte Kneipe profitiert von der größten Gastro-Entlastung der letzten Jahre also kaum.
Die Ökonomie der Kneipe
Von jedem Euro Umsatz bleiben in einer typischen Kneipe am Ende −2 bis +3 Cent — nach Einkauf (28–32 Cent), Personal (≈ 40 Cent), Pacht, Energie und Sonstigem. Zugleich erwirtschaftet keine andere Sparte des Gastgewerbes so wenig Umsatz je Arbeitskraft. Viele Dorfkneipen überleben nur, weil die Wirtin ihren eigenen Lohn nicht mitrechnet — für Investitionen bleibt nichts übrig. Genau hier setzt unser Programm an.
Der Gegentrend
Parallel läuft eine Renaissance: Junge Leute entdecken die Kneipe neu — wegen Dartscheibe, Kneipenquiz, ehrlicher Preise und echter Gemeinschaft. „Es gibt Hoffnung für die Kneipenkultur“ meldete die dpa im Sommer 2025, und auch das Feuilleton feiert die Renaissance der Eckkneipe. Deshalb sprechen wir von einem Comeback — nicht von einer Rettung.
Was Kneipen für Menschen bedeuten.
Dass Orte der Begegnung guttun, ist keine Bauchgefühl-These — es gehört zu den am besten belegten Befunden der Sozialforschung. Eine Auswahl:
Soziale Beziehungen halten gesund
Menschen mit starken sozialen Beziehungen haben eine um rund 50 % höhere Überlebenswahrscheinlichkeit — der Effekt ist ungefähr so groß wie der eines Rauchstopps.
Wo ein Pub ist, ist mehr Zusammenhalt
Der Vergleich von 715 Dörfern zeigt: Wo es einen Pub gibt, ist der Zusammenhalt messbar stärker — mehr gemeinsame Aktivitäten, mehr Gespräche, mehr Nachbarschaftshilfe. Der Effekt hängt am Ort selbst, nicht an der Zusammensetzung der Bewohner.
Die Stammkneipe macht das Leben reicher
Menschen mit Stammkneipe haben im Schnitt mehr enge Freunde (7,2 statt 6,0), sind zufriedener mit ihrem Leben und vertrauen ihren Mitmenschen mehr. Transparenz: Die Ursprungsstudie entstand im Auftrag der Pub-Organisation CAMRA — 2017 erschien sie zusätzlich wissenschaftlich geprüft.
Alltagsorte retten Leben
Zwei fast identische, gleich arme Viertel — völlig unterschiedliche Sterberaten in der Hitzewelle von 1995. Das Viertel mit belebten Läden, Treffpunkten und Straßen gehörte zu den sichersten der Stadt: Ob Menschen die Katastrophe überlebten, hing an Orten, an denen man sich kannte.
Einsamkeit ist kein Randthema
11,3 % der Erwachsenen fühlten sich 2021 stark einsam — am stärksten betroffen sind junge Erwachsene (14,1 %), das größte Risiko ist ein niedriges Einkommen. Die Bundesregierung adressiert in ihrer Strategie gegen Einsamkeit ausdrücklich Orte der Begegnung.
Der Zusammenhalt bröckelt messbar
Der gemessene gesellschaftliche Zusammenhalt fiel auf 52 von 100 Punkten — der stärkste Rückgang seit Beginn der Messung. Am deutlichsten brechen Hilfsbereitschaft und das Miteinander ein.
Die Kneipe als „dritter Ort“
Der Soziologe Ray Oldenburg nannte Treffpunkte neben Zuhause (erster Ort) und Arbeit (zweiter Ort) „dritte Orte“: niedrigschwellig, ohne Verpflichtung, offen für alle. Die klassische Dorf- und Eckkneipe erfüllt seine Merkmale fast idealtypisch — der Ort existiert, die Stammgäste existieren. Es fehlt nicht an Konzept, sondern an Rückenwind.
„Entscheidend ist nicht das Bier, sondern die Begegnung.“
Oliviero Angeli, TU Dresden · dpa-Interview, Juni 2026
Was anderswo funktioniert — und was wir daraus lernen.
Wir haben Förderprogramme aus fünf Ländern ausgewertet — die erfolgreichen wie die gescheiterten. Aus beiden lernen wir:
Pub is The Hub
Beratung durch Branchenprofis plus ein kleiner Zuschuss, damit Pubs neue Standbeine aufbauen (Laden, Post, Café). Jedes investierte Pfund stiftet der Gemeinschaft rechnerisch rund 9 Pfund Nutzen.
Kleines Geld plus gute Beratung schlägt großes Geld ohne Beratung.
1000 cafés
Das Programm sucht, trainiert und begleitet Wirtsleute für Dorfcafés — 71 % des Budgets fließen in diese Begleitung, nicht in Gebäude.
Das Nadelöhr ist die Wirtsperson, nicht die Immobilie.
Bistrot de Pays
Gütesiegel mit Selbstverpflichtung: Dorfbistrots sagen mehrere Angebote, regionale Küche und Kulturabende zu — und bekommen dafür Netzwerk und Marketing. Seit über 30 Jahren stabil.
Zusagen auf Augenhöhe statt Vorschriften — das trägt über Jahrzehnte.
MarktTreff
Gut 40 Standorte verbinden Gastronomie oder Laden mit Dienstleistungen und Treffpunkt unter einem Dach — das langlebigste deutsche Multifunktions-Modell.
Mehrere Standbeine tragen einen Ort über Jahrzehnte.
Night-Time Economy Scheme
Bis zu 10.000 € je Betrieb — zweckgebunden für Kulturprogramm an schwachen Wochentagen (mindestens vier Veranstaltungen Montag bis Donnerstag).
Geld für Veranstaltungen füllt genau die leeren Abende, an denen Kneipen sterben.
Community Pubs
Wo Menschen aus dem Ort ihren Pub gemeinsam übernehmen, überleben 92–99 % der Betriebe — deutlich mehr als im Branchenschnitt.
Wo der Ort mitzieht, wird die Kneipe stabil — deshalb schauen wir bei der Auswahl auf den Rückhalt im Ort.
Wirtshausprämie Niederösterreich
10.000 € Einmalprämie ohne Auswahl und Begleitung: Rund jedes fünfte geförderte Lokal machte binnen kurzer Zeit wieder zu.
Geld allein heilt kein Geschäftsmodell — Auswahl und Begleitung machen den Unterschied.
„Dritte Orte“ NRW
Das Landesprogramm fördert Häuser für Kultur und Begegnung — mit strenger Auswahl im Wettbewerb. Aber selbst großzügig geförderte Orte trugen sich nach drei Jahren nicht selbst; das Land musste nachlegen.
„Was trägt sich nach der Förderung selbst?“ muss vom ersten Tag an beantwortet sein.
Wo die Belege Grenzen haben — ehrlich benannt
Viele Studien zeigen einen Zusammenhang, keine Ursache-Wirkung — es könnte ja auch sein, dass gesellige Menschen einfach öfter in Kneipen gehen. Die belastbarsten Arbeiten (etwa der 715-Dörfer-Vergleich oder die Chicago-Analyse) räumen diesen Einwand aus, andere nicht.
Manche Branchenzahlen stammen von Verbänden, nicht aus der amtlichen Statistik — wo es beides gibt, nennen wir die Quelle und gleichen ab. Und internationale Erfahrungen sind nicht eins zu eins auf jedes deutsche Dorf übertragbar.
Genau deshalb werten wir unseren Piloten ehrlich und unabhängig aus — und veröffentlichen, was funktioniert hat und was nicht. Beides.
Keine Kneipe ist eine Statistik.
Studien zeigen das große Bild — aber euren Ort, eure Gäste und euren Tresen kennt ihr besser als jede Untersuchung. Wir hören erst zu, dann fördern wir. Erzählt uns, was bei euch los ist: Was drückt, was läuft, was fehlt? Auch Widerspruch und eigene Erfahrungen sind ausdrücklich willkommen.